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General Motors vor dem Bankrott

Opel-Arbeiter in Bochum sprechen mit WSWS -Reportern

Von Dietmar Henning
14. November 2008

Die Krise von General Motors (GM) in den USA wirft seine Schatten auf Opel in Europa. Insbesondere die Arbeiter des Opel-Werks in Bochum, die erst vor vier Jahren um das Überleben ihres Werks kämpften und jetzt von Produktionsstopps getroffen werden, sind verunsichert und fürchten um ihr Werk. WSWS -Reporter sprachen am Mittwoch mit einigen Arbeitern.

Die internationale Finanzkrise, die heraufziehende Weltrezession sowie ein gewaltiger Absatzeinbruch bringen die drei größten US-Autohersteller, die "Big Three" GM, Ford und Chrysler an den Rand des Zusammenbruchs. Der noch Anfang des Jahres größte Automobilhersteller der Welt, der amerikanische General Motors Konzern (GM), steht kurz vor dem Bankrott.

GM meldete für das dritte Jahresquartal einen Verlust von 2,8 Milliarden Dollar. Im Oktober verkaufte GM 47 Prozent weniger Autos als im Jahr zuvor. GM nähere sich im vierten Quartal dem Liquiditätsminimum, das für die Weiterführung des Betriebs notwendig sei, hieß es in einer Mitteilung.

Zu Wochenbeginn stürzte die GM-Aktie auf den tiefsten Stand seit 1943 ab, weil die Deutsche Bank die voraussichtliche Liquidität von GM im nächsten Monat auf Null setzte. Die GM-Aktie sank daraufhin auf drei Dollar ab. Noch vor einem Jahr kostete das Papier zehnmal so viel.

Die Verhandlungen der letzten Monate über eine Fusion von GM und Chrysler sind angesichts des drohenden Bankrotts beider Auto-Hersteller auf Eis gelegt. Dies erklärte GM-Chef Rick Wagoner.

GM, Ford und Chrysler, versuchen einerseits, Milliarden-Dollar-schwere Staatskredite von der Regierung zu erhalten und einen sozialen Kahlschlag bei den amerikanischen Arbeitern durchzusetzen.

Gleichzeitig verordnet GM seinen Tochter-Unternehmen in Europa (Opel, Vauxhall, Saab) weitere Kürzungen. Das Management fordert eine Nullrunde von den rund 55.000 Arbeitern in Europa.

Allein dadurch sollen im nächsten Jahr rund 200 Millionen Dollar eingespart werden. Insgesamt bürdet GM den europäischen Ablegern ein Sparpaket in Höhe von rund 750 Millionen Dollar oder 590 Millionen Euro auf. Bereits am Wochenende trafen sich Vertreter des GM-Europe-Vorstands und des Europäischen Gesamtbetriebsrats unter Leitung des Vorsitzenden Klaus Franz, um über die Umsetzung des Sparpakets zu sprechen.

Auf das Europageschäft von GM entfiel im dritten Quartal dieses Jahres ein operativer Verlust von rund einer Milliarde Dollar (780 Millionen Euro). Opel hat wie die GM-Zentrale in Detroit staatliche Unterstützung eingefordert. Betriebsrat und Management schrieben in einem gemeinsamen Brief, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) solle sich für ein 40-Milliarden-Kreditprogramm der Europäischen Investitionsbank für Europas Autoindustrie einsetzen. Merkel und die Bundesregierung haben dies jedoch zunächst zurückgewiesen.

Die Verluste der europäischen GM-Unternehmen und die Kürzungsvorgaben aus Detroit kamen in Deutschland just inmitten der laufenden Tarifrunde der Elektro- und Stahlindustrie, worunter auch die Automobilindustrie zählt.

Die Gewerkschaft IG Metall hat daher am Mittwoch mit einem lausigen Ergebnis abgeschlossen. Ursprünglich hatte die IG Metall 8 Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von 12 Monaten gefordert. Die Unternehmen hatten 2,1 Prozent angeboten. Das jetzige Ergebnis liegt weit unter einem Inflationsausgleich und bedeutet Reallohnsenkung.

Als WSWS-Reporter am Mittwoch mit Arbeitern in Bochum sprachen, war dieser Abschluss noch nicht bekannt. "Wir hoffen, dass wir durch die 8-Prozent-Forderung zum ersten Mal seit ungefähr vier Jahren wieder an der Lohnerhöhung teilnehmen dürfen", erklärte Klaus Daft, der seit 22 Jahren bei Opel arbeitet. Mit der von General Motors Europa geforderten Nullrunde sei unter seinen Kollegen im Werk "keiner einverstanden".

"Wir haben die letzten vier Jahre immer draufgezahlt und sollen jetzt noch weiter bezahlen, noch mehr von unserem Lohn abgeben?" fragte er. "Dann wären wir schon sehr bald unter Tarif bezahlt."

Er berichtete auch, dass der Betriebsrat zugesagt hat, dass die Opel-Arbeiter in Bochum "niemals unter IG Metall-Tarif" gedrückt werden. "Wir hoffen, dass diese Forderung auch erfüllt wird", fügte er hinzu und machte deutlich, dass das Vertrauen in den Betriebsrat Grenzen hat.

Denn in den letzten Jahren sind die Löhne trotz vieler Versprechungen ständig gekürzt und Arbeitsplätze abgebaut worden. In den vergangenen sieben Jahren wurden über 15.000 Arbeitsplätze allein bei Opel in Deutschland abgebaut, in einem einzigen Jahr, 2005, waren es rund 9.000 Stellen.

Alle Versuche der Belegschaften, sich gegen den ständigen Kahlschlag zu wehren, werden von den Betriebsräten vereitelt. Während diese hinter dem Rücken der Arbeiter mit der Konzernspitze ihr Vorgehen aushandeln, setzen sie die Arbeiter unter Druck, damit diese die Vereinbarungen akzeptieren, insbesondere im Bochumer Opel-Werk.

Vor dem siebentägigen Streik in Bochum im Oktober 2004, als die Schließung des Werks drohte, umfasste die Belegschaft in Bochum fast 10.000 Arbeiter, in den besten Zeiten arbeiteten hier sogar 20.000 Menschen. Nun sind noch gut 4.000 Opel-Arbeitsplätze vorhanden.

Die Arbeiter sind daher vorsichtig geworden. "Ein Warnstreik wurde mitgemacht", berichtet Klaus Daft, "aber auch nicht von allen Leuten. Diese Unsicherheit merkt man in allen Bereichen und in allen Reaktionen. Früher war es so, wenn es hieß Warnstreik, dann haben alle Leute die Arbeit niedergelegt. Da wurde kollektiv daran teilgenommen." Dieses Mal sei es so, dass viele froh sind, wenn sie wieder arbeiten können.

Denn seit September wurden die Bochumer Opel-Arbeiter bereits zweimal für jeweils zwei Wochen in Zwangsurlaub geschickt. Opel überlegt, die Produktion erneut ab Ende November für vier bis fünf Wochen zu stoppen. Die Waffe des Streiks ist stumpf geworden. "Wenn wir streiken würden, hätten wir so und so viele Stunden keine Autos gebaut und das ist wahrscheinlich nur im Sinne des Opelvorstands", sagt Klaus Daft. "Im Moment ist es so, dass von uns aus kein Druck ausgeübt werden kann, sondern höchstens ein Vorteil für die Opel AG entstehen könnte."

Die Produktionsstopps werden derzeit über den Abbau von Überstunden abgegolten. Die Einführung von Arbeitszeitkonten hat eine solche Flexibilisierung möglich gemacht. Doch auch dies hat Grenzen. "Wir haben noch ein paar Guthabenstunden", berichtet Christoph Klingschmidt. "Aber das wird auch immer weniger. Was jetzt kommt, wissen wir selber noch nicht. Das wird wahrscheinlich mit Kurzarbeit enden, vermutlich ab Januar oder Februar nächstes Jahr." Das würde dann schließlich doch erhebliche Lohneinbußen bedeuten, denn das von der Bundesagentur für Arbeit gezahlte Kurzarbeitergeld beläuft sich nur auf eine Höhe von 67 Prozent des letzten Nettolohnes.

Welche Maßnahmen der Bochumer Betriebsrat gegen den Zwangsurlaub ergreift, schilderte Klaus Daft: "Es ist so, dass darüber nachgedacht wird, dass eventuell das Weihnachtsgeld und eventuell das Urlaubsgeld mit in die Zeitkonten reingerechnet wird, damit der Monatsgrundlohn erhalten bleibt. Dass dieses Geld gezwölftelt wird und dann in die Monatsgrundlöhne eingezahlt wird. Über solche Sachen wurde beim Betriebsrat gesprochen, das weiß ich."

Der Effekt dieses Tricks wäre die Streichung des Weihnachts- und Urlaubsgeldes. Von der Beteuerung des Betriebsrats, niemals unter IG-Metall-Tarif zu gehen, bliebe dann nichts mehr übrig, auch wenn der Betriebsratsvorsitzende Rainer Einenkel bislang das Gegenteil behauptet.

Ende 2004, nach dem Streik im Oktober, übernahm Einenkel die Rolle des Co-Managers auf dem Posten des Betriebsratsvorsitzes. 2005 unterschrieb er dann den "Zukunftsvertrag 2010". Seitdem ist die Belegschaft mehr als halbiert worden!

Ende September hat Einenkel den nächsten Vertrag namens "Zukunftsvertrag 2016" unterschrieben. Darin werden erneut weitere Kürzungsmaßnahmen festgeschrieben: Eine gesteigerte Arbeitshetze, Lohnkürzungen für Leiharbeiter um fast 20 Prozent, die Reduzierung der Auszubildendenzahl, eine Kürzung des Weihnachtsgeldes, und eine Anrechnung etwaiger Tariferhöhungen auf übertarifliche Leistungen. Schon jetzt sind die Opel-Löhne fast alle auf Metall-Tarif-Niveau. "Wir konnten die 38-Stunden-Woche und untertarifliche Bezahlung verhindern", rühmte sich Einenkel noch im September gegenüber der Frankfurter Rundschau.

Gegen die kommenden Kürzungen sieht Einenkel keine Handhabe. Anders als 2004 "können wir ja jetzt nichts machen", sagte Einenkel der konservativen Zeitung Die Welt. "Die Kaufkraft wird weltweit vernichtet. Da kann man nicht gegen demonstrieren." Deshalb organisiert er derzeit den Abbau von weiteren 150 Arbeitsplätzen, angeblich über Abfindungen, obwohl die Konzernzentrale in Detroit Abfindungen erst kürzlich aufgrund der Finanzklemme abgelehnt hat.

Zusammengefasst lauten die Aussagen Einenkels: Als man gegen die Angriffe "demonstrieren" konnte (2004) war das Ergebnis eine Halbierung der Belegschaft. Nun kann man "nichts machen". Diese Aussage sollte allen Arbeitern eine Warnung sein. Wie sagte ein Opel-Arbeiter in Bochum? "Sicher ist gar nichts."

Siehe auch:
Hiobsbotschaften aus der europäischen Autoindustrie
(25. Oktober 2008)